Ich sehe was, was du nicht siehst …
Donnerstag, Februar 18th, 2010

Was gibt es schöneres, als den ersten Urlaubstag wie eine Königin zu beginnen?
Mit Eggs Benedict, üppigem Gaumen- und Lesefutter.
Und -nicht ganz unwichtig für eine bekennende Hobby-Ethnologin - dem entsprechenden Setting.
Kempinski Königstein, trübes Winterwetter draußen, schmallippige Büffettkombattanten drinnen.
Herrlich, so ein Drehbuch kann man gar nicht erfinden. Zur rechten die Gräfin in apricot. Hermesbetucht und Leopardenballerinabeschuht. Inklusive Töchterchen in den Tempo Dreißigern mit “S-C-H-A-N-E-L-L” Wämschen. Und einem klassischen Gesichtsmuffelausdruck (sehr einfach nachzuahmen: Einfach an nichts denken und sich trotzdem wichtig fühlen). Später ergänzt um den mauligen Rosenmontagsmuffel und Deutschbänker a.D.. Der mich immerhin sehr freundlich begrüßt. Tja, bin ja auch nicht mit ihm verheiratet.
Die Damenfrisur und die Haltung der Dame ist durchwegs steif. Geradeuzu steckensteif.
Da falle ich mit meinen munteren Kommentaren und dem gesunden Appetit geradezu aus dem Rahmen.
Mit dem größten Vergnügen natürlich.
Erkenntnis des Morgens: Eggs so la-la, alles andere erstklassig und empfehlenswert.

Brrh, saukalt heute.
Also behände Endlosschal von American Apparel (ja, Freunde, diese Blog ist ein Feuerwerk des Produkt Placements) und Ringelschal aus Barcelona von der Garderobe gefingert, Schlapphut aus Baden-Baden auf die Birne und ab die Post.
Dann die S-Bahn geentert, nachdem Rennsemmel vorsorglich schneesicher und frauenfreundlich verparkt wurde und im Wagen xyz breit gemacht.
Dauerschwätzende Asiaten mittels iPod ausgeblendet (mein neuester Trick: Earplugkabel leicht herauszuppeln und quasi Instrumentalstücke hören (na, netzfischer, wäre doch was um “the boss” mundtot zu machen)). Und dann fröhlich losgehirnt. Ah, welch’ ein Befreiungsschlag Skizzen sind.
Habe die Woche vor lauter Brüten mehrere Ausfahrten mit dem Auto versemmelt (!) und bin erst via Friedberg nach Kronberg gefahren. Zum Glück gibt es ein Gegenmittel: Radio an oder CD mit Klassischem Ballettgedudel hören. Dann ist die Rübe erstmal Reizbeflutet und springt nicht gleich in den “ich denk dann mal los”-Modus.
In der S4 wieder das Setting der vergangenen Wochen: Pelze und Upperclass Insignien bis Eschborn, danach Streetwear und Kerniges.
Am lustigsten sind ja die Damen, die sich in der S-Bahn nachschminken. Und das nicht nur an Fasching. Einfach Karnevalesk.
Und ich mitten drin, aber die Birne fällt nicht weit vom Baum. Oder so ähnlich.
Haben Sie schon mal Ihrem nächsten Nachbarn in der Business-Class aufs Zifferblatt geschaut?
So ein Blick verrät mehr als Kontostand und Blutbild in einer KPI (vulgo: Schlüsselkennziffer).
Trägt er oder sie eine Rolex? Hmh. Oder doch eher die praktische Citizen, Marke “Bruch”? Der oder die kann was einstecken.
Oder die kleine Tank von “C-A-R-T-I-E-R” (lang gezogen gesprochen von Carrie “Ich krieg jeden Schu” Bradshaw)?
Naja, nicht schlecht.
Oder, oder, oder.
Ist dann noch eine Rassehund (dichtes Fell, kesser Blick) muss es sich um eine Person der Extra-Klasse handeln.
Ist mir heute begegnet.
Und - wohl gemerkt - nicht morgens im Spiegel.
Schmökere gerade wieder in meinem Schwäbischen Dictionärle herum und schmunzle über Bähmulle und Blonze.
Also, erstere Gattung Marke “superschnelleingeschnappt” kenne ich, aber das hessische Synonym ist mir fremd. Hmhm. Mimöschen vielleicht. Hat aber nicht die Konnotation des langweiligen.
Die Blonze hingegen, die Blutwurst oder dicke Frau, ha, die kenne ich, heißt hier “Blunze”.
Schon lustig, wie nach die Hessen den Schwaben sind.
Klingt schick: Bootstrapping.
Oder Münchhausen-Technik. Oder schlicht und einfach “Sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen”. Hmhm.
Geht nicht?
Gibt’s nicht.
Habe ich mich erst gestern wieder bewiesen. Mal eben so nach der Arbeit, frisch rausgepurzelt aus der S4, noch trunken von den Eindrücken und den Körperdüften und Sekreten, mit den sich der Homo Sapiens Taunusiensis so umhüllt.
Und so nahmen meine schlitzegroßen Augenpaare dann meinen schneebedeckten, tiefergelegten Sportwagen aus dem VW-Konzern in Empfang. (Randnotiz: Es ist kein Porsche, noch nicht…) Da stand er, die Rennsemmel, schneebedeckt und festgeeist.
Tja, und was macht man so als Frau von Welt und bekennendes Landei?
Man ersucht das männliche Kraftpaket um Hilfe. Und so half ein Galan, bewaffnet mit einem Golfballpflücker - das 5er Eisen war gerade nicht greifbar - und jeder Menge Gasfußcharme ein wenig. Wenn gleich nicht ganz, denn die letzte Wehe nahm ich -souverän, gekonnt und routiniert- selbst mit wenig Gas aber viel Gefühl.
Und es bleibt die Erkenntnis des Abends: Du kannst dich aus jedem Loch mit eigener Kraft heraussteuern. Alles eine Frage der Technik.